Digitale Souveränität in der Energiewirtschaft

Digitale Souveränität als neue Dimension der Versorgungssicherheit

Warum Energieunternehmen ihre digitale Handlungsfähigkeit strategisch absichern müssen

Digitale Souveränität in der Energie- und Versorgungswirtschaft
19.01.2026
Energie- & Versorgungswirtschaft
Security
Souveräne IT

Energie- und Versorgungsunternehmen befinden sich aktuell in einer Phase, in der mehrere tiefgreifende Transformationsprozesse parallel wirken. Diese greifen direkt ineinander. Anders als frühere Veränderungsphasen betreffen sie nicht einzelne Geschäftsbereiche oder Technologien, sondern das gesamte operative und strategische Fundament der Energie- und Versorgungswirtschaft. 

Warum Energie- Versorgungsunternehmen ihre digitale Handlungsfähigkeit strategisch absichern müssen

Die Energiewende führt zu einer zunehmenden Dezentralisierung der Erzeugung und der Energieflüsse. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Prognose, Steuerung und Koordination der Netze. Ohne digitale Systeme ist diese Komplexität nicht mehr beherrschbar. 

 

Parallel dazu schreitet die Digitalisierung in nahezu allen Bereichen voran. Netzleittechnik, Marktkommunikation, Abrechnung, Kundenportale, Workforce-Steuerung und in immer stärkeren Maßen auch Entscheidungsunterstützung basieren auf vernetzten IT-Plattformen und datengetriebenen Anwendungen. Künstliche Intelligenz gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung.

 

Hinzu kommt ein regulatorischer Rahmen, der dynamisch wächst. Vorgaben aus KRITIS, NIS2, dem IT-Sicherheitsgesetz 2.0, BSI-Richtlinien und dem EU Data Act erhöhen nicht nur die Anforderungen an IT-Sicherheit, sondern auch an Transparenz, Nachweisfähigkeit und organisatorische Kontrolle – und das in einem Umfeld, das von volatilen politischen Entscheidungen geprägt ist. 

 

Diese Entwicklungen treffen auf eine Phase geopolitischer Unsicherheit sowie auf eine spürbare Zunahme gezielter Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen. 

 

In diesem Kontext rückt eine neue Dimension der Versorgungssicherheit in den Vordergrund: die digitale Souveränität. Die Fähigkeit, digitale Infrastrukturen selbstbestimmt, sicher und kontrolliert zu betreiben, wird zum strategischen Schlüsselfaktor. Denn nur wer kritische (IT-)Systeme und Datenhoheit unter eigener Kontrolle hält, kann die Stabilität und Handlungsfähigkeit im Energie- und Versorgungsmarkt nachhaltig sichern. 

Digitalisierung: Unverzichtbare Grundlage des operativen Betriebs

Die Energie- und Versorgungswirtschaft zählt heute zu den am weitesten digital transformierten Bereichen der kritischen Infrastruktur. In vielen Unternehmen sind digitale Systeme längst nicht mehr nur unterstützende Werkzeuge, sondern bilden das Rückgrat des operativen Geschäfts. Sie übernehmen zentrale Steuerungs-, Überwachungs- und Entscheidungsfunktionen – rund um die Uhr, in Echtzeit und zunehmend automatisiert. 

 

Diese Entwicklung war nicht nur technologisch konsequent, sondern auch betriebswirtschaftlich geboten: Sie ermöglicht höhere Effizienz, bessere Transparenz und eine skalierbare Prozesslandschaft. Dem stehen neue Abhängigkeiten gegenüber, die unmittelbare Auswirkungen auf die Resilienz der Unternehmen haben.

Digitale Abhängigkeiten als strukturelles Risiko

Mit dem fortschreitenden Digitalisierungsgrad steigen auch die Abhängigkeiten von IT-Systemen, Plattformen und externen Dienstleistern. In vielen Unternehmen sind diese Abhängigkeiten historisch gewachsen, sind oft komplex und nur unzureichend dokumentiert. Dadurch entstehen strukturelle Risiken, die in der Praxis häufig unterschätzt werden.  

 

Typische strategische Fragestellungen, die sich in Projekten der Energie- und Versorgungswirtschaft regelmäßig stellen, lauten: 

  • Welche geschäftskritischen Prozesse sind unmittelbar von einzelnen Plattformen oder Cloud-Diensten abhängig – und wie transparent ist diese Abhängigkeit dokumentiert? 

  • Welche operativen und wirtschaftlichen Folgen hätte ein kurzfristiger Ausfall oder Rückzug eines zentralen IT-Dienstleisters? 

  • Verfügen wir über tragfähige Exit-Strategien, um Daten und Prozesse in alternative Umgebungen zu überführen, und wie realistisch ist deren Umsetzung im Krisenfall? 

  • Welche regulatorischen Risiken ergeben sich aus bestimmten Betriebsmodellen, insbesondere im Hinblick auf Compliance, Auditierbarkeit und Datenhoheit? 

Diese Abhängigkeiten machen den Energie- und Versorgungssektor verwundbarer – gegenüber Cyberangriffen, technischen Störungen und geopolitischen Einflussfaktoren. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Risikoereignis als die fehlende Fähigkeit, im Ernstfall kontrolliert und souverän reagieren zu können. 

 
Damit wird deutlich: Digitale Abhängigkeiten sind kein rein technisches Thema, sondern ein reales Risiko für die Versorgungssicherheit – und damit ein strategisches Handlungsfeld für das Management. 

Digitale Souveränität: Strategische Steuerungsfähigkeit statt Technologieentscheidung

Vor diesem Hintergrund greift es zu kurz, die digitale Souveränität auf die Auswahl bestimmter Technologien oder Anbieter zu reduzieren. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass Unternehmen zwar moderne IT einsetzen, jedoch nur eingeschränkt über die Fähigkeit verfügen, bei veränderten Rahmenbedingungen schnell, sicher und eigenständig zu handeln. 

 

Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit eines Unternehmens, im digitalen Raum selbstbestimmt, sicher und kontrolliert zu handeln. Sie ist somit keine rein technische Frage, sondern eine strategische Managementaufgabe. 

 

Für Energie- und Versorgungsunternehmen bedeutet das konkret, dauerhaft drei Fähigkeiten sicherzustellen: 

  • Handlungsfähigkeit 
    Kritische Betriebs- und Führungsprozesse müssen auch bei IT-Störungen, Cyber-Vorfällen oder Ausfällen externer Dienstleister fortgeführt werden können – ohne Kontrollverlust oder längere Unterbrechungen. 

  • Entscheidungsfähigkeit 
    Das Management benötigt jederzeit belastbare Transparenz über Risiken, Abhängigkeiten und realistische Handlungsoptionen – nicht erst im Krisenfall, sondern als kontinuierliche Entscheidungsgrundlage. 

  • Wechsel- und Migrationsfähigkeit 
    Der Wechsel von Plattformen, Cloud-Modellen oder Dienstleistern muss technologisch, organisatorisch und wirtschaftlich realistisch möglich sein. Dazu gehören Exit-Strategien, Datenportabilität und klare Verantwortlichkeiten. 

Ergänzend zu diesen operativen und strategischen Fähigkeiten umfasst digitale Souveränität auch eine unmittelbare kaufmännische Dimension. Unternehmen, die ihre Handlungs-, Entscheidungs-, Wechsel- und Migrationsfähigkeit systematisch absichern, stärken nicht nur ihre technische Resilienz, sondern verbessern auch ihre wirtschaftliche Verhandlungsposition. 

 

Denn fehlende Exit-Optionen, mangelnde Transparenz über Abhängigkeiten und hohe Wechselbarrieren führen in der Praxis häufig zu Vendor-Lock-in-Effekten. Diese schränken den Handlungsspielraum in Preis- und Vertragsverhandlungen ein und erhöhen das Risiko einseitiger Preisanpassungen oder nachteiliger Vertragsbedingungen. 

 

Umgekehrt gilt: Wer realistische Alternativen aufbauen kann, seine Abhängigkeiten kennt und Wechseloptionen glaubhaft beherrscht, stärkt seine kaufmännische Steuerungsfähigkeit. Digitale Souveränität wird damit zu einem zentralen Faktor für planbare Kosten, belastbare Vertragsbeziehungen und langfristige Wirtschaftlichkeit. 

 

Diese Fähigkeiten entstehen nicht durch Einzelprojekte oder punktuelle Maßnahmen. Sie erfordern eine klare Governance, robuste Betriebsmodelle und die regelmäßige Überprüfung der eigenen digitalen Abhängigkeiten. Nur wer diese Steuerungsfähigkeit systematisch entwickelt, kann seine digitale Resilienz stärken 

Digitale Souveränität als Erweiterung des Versorgungssicherheitsbegriffs

Versorgungssicherheit wurde in der Energie- und Versorgungswirtschaft traditionell physisch verstanden – als Frage nach ausreichenden Erzeugungskapazitäten, robuster Netzinfrastrukturen, technischen Redundanzen und verfügbaren Ersatzteilen. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung reicht dieses Verständnis jedoch zu kurz. 

 

Die Realität zeigt: Ohne digitale Steuerungs-, Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeit lassen sich physische Infrastrukturen nicht mehr sicher und zuverlässig betreiben. 
 

Digitale Souveränität erweitert den klassischen Begriff der Versorgungssicherheit daher um eine eigenständige Dimension. Sie steht für die Fähigkeit, digitale Systeme, Daten und Technologien selbstbestimmt, sicher und kontrolliert zu nutzen – und verbindet technische Resilienz mit organisatorischer Steuerbarkeit und strategischer Entscheidungsfähigkeit. 

Konsequenzen für Entscheiderinnen und Entscheider in der Energiewirtschaft

Für Vorstände, Geschäftsführungen und verantwortliche Führungskräfte ergeben sich daraus klare strategische Handlungsfelder: 

  • Digitale Abhängigkeiten müssen systematisch identifiziert, bewertet und dokumentiert werden. 

  • IT-Souveränität gehört als fester Bestandteil auf die Agenda der Unternehmens- und Risikosteuerung. 

  • Exit-, Notfall- und Wiederanlaufkonzepte sind keine Ausnahmefälle, sondern ein integraler Bestandteil vorausschauender Planung. 

  • Digitale Souveränität ist kein einmalig erreichbares Zielbild, sondern ein kontinuierlicher Managementprozess, der regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden muss. 

Wer langfristig Versorgungssicherheit gewährleisten will, muss die digitale Handlungsfähigkeit seines Unternehmens ebenso konsequent steuern wie Netze, Anlagen und physische Prozesse. 

Fazit: Digitale Souveränität als Voraussetzung für eine sichere Energiewende

 

Energie- und Versorgungsunternehmen in Deutschland durchleben derzeit einen historischen Umbruch. Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Digitalisierung, ein dynamischer Regulierungsrahmen, geopolitische Spannungen und Fachkräfteengpässe – all diese Entwicklungen wirken gleichzeitig und mit großer Tiefe auf die Systeme ein. Diese Gleichzeitigkeit und Systemtiefe unterscheiden die aktuelle Transformation grundlegend von früheren Wandelphasen. 

 

In diesem Kontext wird der Begriff der Versorgungssicherheit neu definiert: Energie muss nicht nur klimafreundlich, bezahlbar und jederzeit verfügbar sein – sie muss auch vor digitalen Bedrohungen geschützt und frei von unkontrollierbaren Abhängigkeiten sein. Digitale Souveränität erweist sich damit als neue Dimension der Versorgungssicherheit, die für die langfristige Handlungsfähigkeit zunehmend relevant wird. Sie ist keine Option, sondern die Voraussetzung dafür, dass die Energiewende sicher, resilient und selbstbestimmt gelingt. 

 

Energieunternehmen, die heute gezielt in Cyber-Resilienz, Datenschutz, offene Technologien und Multi-Provider-Strategien investieren, stärken nicht nur ihre Handlungsfähigkeit. Zugleich leisten sie einen Beitrag zur Stabilität der Energieversorgung. Dies erfordert entschlossenes Handeln, strukturelle Anpassungen und ein Umdenken auf allen Ebenen. Zugleich eröffnet es die Chance, eine zukunftsfähige Energieinfrastruktur zu gestalten, die sowohl ökologischen als auch sicherheitspolitischen Anforderungen gerecht wird. 

Verfasst von

Foto-Stefan Wieberneit
Stefan Wieberneit
Experte für Nachhaltigkeit & Energiemanagement

Stefan Wieberneit ist Head of Business Development Utility bei Arvato Systems. Mit über 20 Jahren Erfahrung in der Energie‑ und Versorgungswirtschaft gestaltet er digitale Innovationen für die Branche. Er bringt fundierte Expertise in IT‑Produktentwicklung, Smart Metering und ESG-Management mit.

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