Digital Omnibus
Wichtige Compliance-Fristen werden verlängert
Die EU hat die Digital-Omnibus-Verordnung zur KI (Verordnung (EU) 2026/1744) offiziell beschlossen. Sie wurde am 24. Juli 2026 im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht und trat drei Tage später in Kraft. Ziel der Verordnung ist es, die Umsetzung des AI Act für Unternehmen praktikabler zu gestalten, ohne die grundlegenden Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und Governance aufzugeben. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die verschobenen Fristen für den Betrieb sogenannter Hochrisiko-KI-Systeme.
Digital Omnibus: Gute Nachrichten für CFOs und Finanzabteilungen
Für die unternehmensinternen Finance Professionals sind dies grundsätzlich Good News. Viele Unternehmen sahen darin Herausforderungen, die ursprünglich vorgesehenen Fristen des AI Act einzuhalten. Dennoch wäre es ein Fehler, den Digital Omnibus als generelle Lockerung der KI-Regulierung zu verstehen: die wesentlichen Governance- und Transparenzanforderungen bleiben nämlich unangetastet.
Warum wurde der Digital Omnibus eingeführt?
Die Europäische Kommission reagiert damit auf zahlreiche Rückmeldungen aus der Wirtschaft. Viele Unternehmen bemängelten neben unklaren Umsetzungsvorgaben auch fehlende technische Standards, Doppelregulierungen, hohe Dokumentationsaufwände und Unsicherheiten bei der Einstufung von KI-Systemen.
Die Verordnung zielt demzufolge darauf ab, den europäischen Rechtsrahmen für digitale Technologien zu vereinfachen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu stärken. Gleichzeitig sollte die Vielzahl der auf KI abzielenden Regulierungen nicht als Investitionshemmnis für Unternehmen wahrgenommen werden.
Transparenzpflichten bleiben bestehen
Während einige Hochrisiko-Anforderungen verschoben wurden, gelten andere Vorschriften weiterhin.
Insbesondere bleiben Verpflichtungen bestehen für:
- Transparenz bei KI-Systemen
- Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten
- Anforderungen an General-Purpose-AI-Modelle (GPAI)
- Dokumentations-, Kompetentz- und Nachweispflichten
Unternehmen können deshalb die Einführung von Governance-Prozessen nicht aufschieben.
Das EU AI Office erhält mehr Befugnisse
Der Digital Omnibus stärkt die Rolle des europäischen AI Office erheblich. Die Behörde erhält nämlich zusätzliche Kompetenzen bei:
- Marktüberwachung
- Durchsetzung des AI Act
- Kontrolle großer KI-Plattformen
- Aufsicht über bestimmte GPAI-Systeme
Für Finanzorganisationen bedeutet dies, dass KI-Compliance künftig ähnlich relevant werden könnte, wie Datenschutz oder Informationssicherheit.
Welche Auswirkungen hat das auf Finanzabteilungen?
KI-Regulierung betrifft primär eben nicht IT-Themen, sondern hat praktisch erhebliche Auswirkungen für die Prozesse im Finanz- und Rechnungswesen. Besonders relevant sind KI-Anwendungen in:
- Forecasting und Planung
- Cash Management
- Kreditwürdigkeitsanalysen
- Fraud Detection
- Reporting und Narrative Reporting
- SAP Joule und andere KI-Assistenten
- Agentic-AI-Anwendungen im ERP-Umfeld
Die zentrale Frage lautet künftig: Welche Entscheidungen werden von KI vorbereitet oder beeinflusst, und wie kann deren Nachvollziehbarkeit sichergestellt werden?
SAP-KI-Anwendungen bewerten
SAP erweitert seine Lösungen kontinuierlich um KI-Funktionen wie SAP Joule oder spezialisierte Agenten. Die Mehrheit der Finance-Anwendungen dürfte weiterhin als geringes oder begrenztes Risiko gelten. Indes hängt dies immer vom konkreten Use Case ab – und nicht vom Product-Label. Dennoch sollten CFOs gemeinsam mit der IT und Compliance prüfen:
- Welche KI-Komponenten werden genutzt?
- Welche Daten fließen in die Modelle?
- Welche Entscheidungen beeinflusst die KI?
- Welche Nachweise müssen künftig vorgelegt werden?
Dies gilt besonders für automatisierte Entscheidungsprozesse im Controlling und Reporting.
Wird Joule indes in Bereichen eingesetzt, die unter die Hochrisiko-Kategorien des Anhangs III des EU AI Act fallen, kann die Anwendung als Hochrisiko-KI gelten. Beispiele sind:
- Bewerberauswahl
- Recruiting-Ranking
- Personalbeurteilungen
- Karriere- oder Beförderungsempfehlungen
Insbesondere für HR-Funktionen in SAP SuccessFactors werden entsprechende Hochrisiko-Szenarien diskutiert.
Deutsche Besonderheit: das KI-MIG
Das KI-MIG (Gesetz zur Marktüberwachung und Innovationsförderung für Künstliche Intelligenz) ist das am 29. Juli 2026 in Kraft getretene deutsche Begleitgesetz zur nationalen Umsetzung der europäischen KI-Verordnung (AI Act). Es regelt die behördliche Aufsichtsstruktur, benennt zuständige Stellen, setzt Innovationsanreize und bestimmt die Bundesnetzagentur als zentrale Koordinierungsstelle. Als oberste durchsetzende Behörde ist die Bundesnetzagentur vorgesehen. Für KI-Systeme im Finanz-Kontext wird die BaFin bestimmt, die ab August 2026 aktiv prüfen will. Das KI-MIG selbst sieht für bestimmte Verstöße gegen Mitwirkungs-, Auskunfts- oder Duldungspflichten Bußgelder von bis zu 50.000 € je Verstoß vor. Verstöße gegen verbotene KI-Praktiken können nach EU AI ACT indes mit bis zu 35 Millionen EUR oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes geahndet werden, für kleine und mittlere Unternehmen gelten niedrigere Bußgelder.
Fazit: Die Schonfrist sinnvoll nutzen
Der EU Digital Omnibus verschafft Unternehmen mehr Zeit für eine strukturierte Vorbereitung – insbesondere die Verschiebung der Hochrisiko-Regeln reduziert kurzfristigen Umsetzungsdruck.
Für CFOs bedeutet dies jedoch nicht, dass die unternehmensweite Auseinandersetzung mit der KI-Compliance vertagt werden kann. Eher das Gegenteil trifft wohl zu: Die zusätzliche Zeit sollte genutzt werden, um Governance-Strukturen, Dokumentationsprozesse und Kontrollmechanismen zu stärken.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob KI reguliert wird, sondern wie gut Unternehmen ihre KI-Anwendungen bereits heute steuern, dokumentieren und überwachen können.
Gerade Finanzabteilungen sollten ihre Chance nutzen, eine führende Rolle zu übernehmen. In der Regel verfügen sie bereits über die notwendigen Kompetenzen in den Bereichen Governance, Risiko-Management, Compliance und IKS. Die KI-Governance der Zukunft dürfte daher deutlich näher am CFO hängen als viele heute noch vermuten.
Verfasst von
Prof. Dr. Martin Wünsch ist Experte für Financial Reporting und SAP S/4Hana Finance Consulting. Dieses Aufgabengebiet kennt er aus verschiedenen Perspektiven, z.B. in Big4-Audit, Corporate Functions oder Management-Beratung. Er hat einen Lehrstuhl für ABWL, insb. Int, Rechnungslegung & Controlling, an der FOM Hochschule Düsseldorf inne und publiziert regelmäßig zu aktuellen Themen der Finanzberichterstattung.