Vernetzte Datenwirtschaft

Mehrwerte durch souveräne Datenräume

Von Datensilos zu vernetzter Datenwirtschaft

Smart Data & Data Spaces: Der Weg zur Datensouveränität
16.04.2026
Digitale Transformation
Fertigungsindustrie
Digitale Souveränität

Die industrielle Transformation ist in vollem Gange. Während in der Vergangenheit vor allem das Sammeln großer Datenmengen im Vordergrund stand, konzentrieren wir uns heute darauf, aus diesen Daten echten geschäftlichen Mehrwert zu ziehen.  Dabei ist die Entwicklung hin zur Smart Data Economy weit mehr als eine rein technische Modernisierung – sie bedeutet eine grundlegende strategische Neuausrichtung für Unternehmen und ihre Zusammenarbeit untereinander.

Ungenutzte Industriedaten – Status Quo

In der Fertigungsindustrie haben sich Daten längst als essenzieller Bestandteil für strategische Entscheidungen etabliert. Trotzdem bleibt der überwiegende Teil der gewonnenen Daten bisher ungenutzt – nach aktuellen Schätzungen werden etwa 80% der erfassten Industriedaten weder analysiert noch weiterverarbeitet (Quelle: „Deutsche Unternehmen nutzen ihre Daten unzureichend“, in: VDI Nachrichten, 12. Juni 2024), sondern verbleiben ungenutzt in den Systemen und Maschinen. Dadurch gehen zahlreiche Erkenntnisse über Abläufe, Maschinenperformance und Qualitätsindikatoren verloren, die für Optimierung oder innovative Services wertvoll wären. Um dieses Problem zu adressieren, gelten Datenräume als vielversprechender Ansatz: Sie ermöglichen die strukturierte und sichere Nutzung von dezentralen Datenquellen, auch über Unternehmensgrenzen hinweg, ohne dass alle Informationen in einem zentralen System zusammengeführt werden müssen.

Was sind Datenräume?

Struktur für einen souveränen und interoperablen Datenraum
Struktur für einen souveränen und interoperablen Datenraum

Die Grundidee eines Datenraums ist es, eine gemeinsame „Daten-Drehscheibe“ und einen gemeinsamen Austauschraum für viele Akteure entlang der Wertschöpfungskette zu schaffen. Anstatt dass Unternehmen ihre Daten nur direkt miteinander teilen, oder auf fremde Plattformen ausweichen, setzen Datenräume auf offene und interoperable Strukturen. Alle Teilnehmenden sind über sogenannte Konnektoren miteinander verbunden und können je nach Bedarf und Zugriffsrecht Daten austauschen – ähnlich wie auf einem digitalen Marktplatz für Daten. Wichtig dabei: Die Daten werden nicht zentral gespeichert, sondern bleiben in den jeweiligen Systemen. Der Datenraum regelt nur, wer auf welche Daten zugreifen, und sie nutzen darf – und das nach gemeinsamen Regeln und Verträgen. So entsteht ein vertrauenswürdiges Umfeld, in dem Unternehmen Daten teilen können, ohne ihre Geschäftsgeheimnisse preiszugeben oder die Kontrolle über ihre Informationen zu verlieren. 

 

Ein Datenraum ermöglicht die Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Alle Beteiligten legen gemeinsam die Regeln fest und profitieren vom Austausch der Daten. Dadurch werden typische Probleme wie Datensilos und die Zersplitterung von Informationen überwunden. Früher konnten Unternehmen Daten meist nur mit bereits bekannten Partnern und über spezielle Schnittstellen teilen, was oft zu Aufwand, Ineffizienz und einer Abhängigkeit von bestimmten IT-Anbietern führte. Ein Datenraum löst diese Probleme, indem er eine flexible Vernetzung mit vielen Teilnehmern erlaubt – auch neue Partner können integriert werden. So haben beispielsweise mittelständische Zulieferer oder Kunden die Möglichkeit, an einem gemeinsamen Datenökosystem teilzunehmen, ohne individuelle Schnittstellen zu programmieren oder ihre Daten komplett abzugeben. 

Datensouveränität als Fundament des Vertrauens

Ein kritischer Erfolgsfaktor ist die Datensouveränität. Viele Unternehmen zögern, Informationen zu teilen, aus Sorge vor Kontrollverlust. Genau hier setzen Datenräume an und ermöglichen den Austausch von Daten durch einen kontrollierten Zugriff.

Der Ansatz

Im ersten Schritt schaffen wir mit dem Fokus auf die Gewinnung und Standardisierung von Daten das Fundament, um nachhaltige Mehrwertservices generieren zu können.

Wir setzen dabei unter anderem auf die Asset Administration Shell, kurz AAS, damit die Integration automatisch und ohne manuellen Aufwand erfolgt. Hierbei gibt es keine Zwischeninstanzen, sog. Gatekeeper, die Daten kontrollieren oder zentralisieren – die Informationen bleiben immer bei ihren ursprünglichen Systemen und werden objektbezogen gespeichert.

Datenraum: Im Industriekontext

Ein technologischer Schlüsselbaustein, welcher den Datentausch ohne Kontrollverlust ermöglicht und auf der AAS aufbaut, ist der Eclipse Dataspace Connector. Er schafft einen sicheren, richtliniengesteuerten Austausch zwischen Organisationen.

Bevor Daten fließen, stimmen alle beteiligten Organisationen einem digitalen Vertrag zu. Dies schafft die notwendige Vertrauensbasis für kollaborative Geschäftsmodelle.

Datenraum: Typische Beteiligte

Ein Datenraum in der Fertigungsindustrie vereint typischerweise alle relevanten Akteure entlang der Wertschöpfungskette. Dazu gehören unter anderem:

 

  • Hersteller (Produzenten von Gütern oder Anlagen)
  • Zulieferer (Lieferanten von Komponenten, Materialien oder Vorprodukten)
  • Dienstleistungspartner – etwa Service- und Wartungsunternehmen oder IT/Technologie-Partner
  • Logistik- und Vertriebspartner (Speditionen, Händler)
  • Kunden oder Betreiber der Maschinen/Anlagen (z. B. Fabrikbetreiber)
  • Gegebenenfalls Recycling- und Entsorgungsbetriebe (für Kreislaufwirtschaft)

     

All diese Parteien können in einem Datenraum direkt oder indirekt eingebunden sein und Daten untereinander austauschen. Das Besondere: Jeder Teilnehmer entscheidet selbst, welche seiner Daten er freigibt und an wen – zum Beispiel ein Zulieferer nur an einen bestimmten Hersteller – und behält jederzeit die Datenhoheit. Durch die gemeinsame Datenplattform können so vormals isolierte Informationsinseln verbunden werden, was neue Kooperationen ermöglicht. In Deutschland wird dieses Prinzip etwa in Projekten wie Manufacturing-X bzw. Factory-X erprobt, wo Hersteller, Zulieferer, Servicepartner bis hin zu Recyclingbetrieben innerhalb eines Datenraums vernetzt Daten austauschen, ohne die Kontrolle über ihre jeweils eigenen Informationen zu verlieren.

Welche Daten werden im Datenraum geteilt?

In einem industriellen Datenraum können unterschiedliche Daten und Informationen zwischen den Partnern geteilt werden – je nachdem, was für die Zusammenarbeit nötig und sinnvoll ist. Typische Beispiele sind:

 

  • Produkt- und Produktionsdaten: Produktstammdaten (z. B. Materialzusammensetzung, Stücklisten) sowie Produktionsparameter und Messdaten aus Maschinen und Anlagen. Auch Qualitätsdaten und Prozesskennzahlen können ausgetauscht werden, um etwa die Fertigungsqualität über die Lieferkette hinweg zu verbessern
     
  • Wartungs- und Betriebsdaten: Informationen über Maschinenzustände, Wartungshistorien, Störungsmeldungen oder Ersatzteil- und Reparaturdaten. So können z. B. Hersteller oder Servicepartner Zugriff auf die aktuellen Betriebsstunden einer Anlage oder anstehende Wartungstermine erhalten, um proaktiv Services anzubieten. 
     
  • Lieferkettendaten: Bestands- und Lieferinformationen, Auftragsstatus, Logistik- und Traceability-Daten. Durch das Teilen solcher Daten im Datenraum entsteht Transparenz entlang der Supply Chain, etwa um Lieferengpässe frühzeitig zu erkennen oder Herkunftsnachweise zu erbringen.
     
  • Produktlebenszyklus-Informationen: Beispielsweise der Digitale Produktpass (DPP), der über einen Datenraum verteilt werden kann. Darin bündeln sich alle wichtigen Infos zu einem Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus – von Herstellung über Nutzung bis Recycling. So könnten etwa nachgelagerte Nutzer einer Maschine im Datenraum auf Konstruktionsdaten, Gebrauchsanweisungen, Wartungspläne oder umweltrelevante Entsorgungsinformationen zugreifen, die vom Hersteller und den Zulieferern bereitgestellt werden. 

     

Wichtig ist, dass sensible Informationen dabei geschützt bleiben. Im Datenraum werden deshalb nur diejenigen Datenfelder an konkrete Berechtigte freigegeben, die notwendig sind – und selbst diese nur für autorisierte Partner und oft in aggregierter oder anonymisierter Form. Ein Beispiel: Zwei Komponenten-Zulieferer könnten im Datenraum nur bestimmte Messwerte ihrer Bauteile austauschen, damit ein Datenservice automatisch passende Teile „verheiratet“, ohne dass die Unternehmen ihre vollständigen Produktionsgeheimnisse preisgeben. Insgesamt lässt sich jede Art von digital vorliegender Information teilen, sofern die Teilnehmenden sich darüber verständigen – von einfachen Sensordaten und Stücklisten bis zu komplexen 3D-Modellen oder Fertigungsplänen – solange dafür technische Schnittstellen und klare Nutzungsvereinbarungen bestehen.

Vorteile und Mehrwerte eines Datenraums

Die Einführung eines Datenraums in der Fertigungsindustrie soll Unternehmen in mehrfacher Hinsicht greifbare Mehrwerte bringen:

Effizienzsteigerung und Kostenersparnis

Wenn Daten nahtlos zwischen allen Beteiligten fließen, profitieren Unternehmen gleich mehrfach: Prozesse werden schneller, Kosten sinken und Fehler lassen sich frühzeitig vermeiden. Echtzeitdaten aus Produktion, Lager und Logistik schaffen Transparenz, reduzieren Bestände und sorgen für effizient abgestimmte Abläufe – eine klare Grundlage für mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Verbesserte Zusammenarbeit und resilientere Lieferketten

Wenn Daten nahtlos zwischen allen Beteiligten fließen, profitieren Unternehmen gleich mehrfach: Prozesse werden schneller, Kosten sinken und Fehler lassen sich frühzeitig vermeiden. Echtzeitdaten aus Produktion, Lager und Logistik schaffen Transparenz, reduzieren Bestände und sorgen für effizient abgestimmte Abläufe – eine klare Grundlage für mehr Wettbewerbsfähigkeit.

Innovation und neue datenbasierte Geschäftsmodelle

Datenräume öffnen die Tür zu neuen datenbasierten Geschäftsmodellen. Unternehmen können gemeinsam innovative Services entwickeln – von intelligenter Datenanalyse bis hin zu vorausschauender Wartung. Der Zugriff auf gebündelte Daten schafft Mehrwert für alle Beteiligten und macht Datenräume zum Schlüssel für industrielle Innovation.

Datensouveränität und weniger Abhängigkeiten

Datenräume ermöglichen Datennutzung ohne Kontrollverlust. Unternehmen behalten ihre digitale Souveränität, reduzieren Abhängigkeiten von großen Plattformanbietern und erfüllen regulatorische Anforderungen einfacher – ein klarer Wettbewerbsvorteil, vor allem für den Mittelstand.

Mehr Transparenz und Vertrauen

Mit Datenräumen entsteht Vertrauen durch Transparenz. Klare Regeln und technische Absicherung ermöglichen sicheren Datenaustausch entlang der Wertschöpfungskette – und damit Zusammenarbeit dort, wo sie sinnvoll ist, ohne den Wettbewerb aufzugeben.

Fazit

Datenräume sind der Schlüssel zur digitalen Zukunft der Fertigungsindustrie. Sie verbinden Unternehmen zu einem leistungsfähigen Datenökosystem, ermöglichen Innovation und Effizienz – und sichern dabei die Datensouveränität jedes Einzelnen.

Praxis schlägt Theorie

In einem ersten Pilotprojekt werden wir gemeinsam mit unserem Kunden demonstrieren, wie der Einstieg in den grenzüberschreitenden Datenaustausch gestaltet werden kann. Auf dieser Grundlage entwickeln wir als konkretes Praxisbeispiel das Patch Management für Anlagenkomponenten. 

 

Das Ziel ist es, einen transparenten Überblick über die verwendeten Geräte sowie deren Hard- und Softwarestände zu erhalten. Außerdem sollen verfügbare Patches und deren Bedeutung hinsichtlich ihrer Kritikalität transparent dargestellt werden. Auf dieser Basis wird ein sicherer und nachvollziehbarer Prozess für Updates entwickelt. Zusätzlich kommt der Datenraum auch für weitere Bereiche wie das Device Management und das Digitale Kalibrierzertifikat (eine maschinenlesbare, XML-basierte digitale Version eines klassischen Kalibrierscheins) zum Einsatz. 

Branchenspezifische Mehrwerte durch Smart Data und Künstliche Intelligenz

Wir wissen, dass jede Branche eigene Anforderungen hat. Bei Arvato Systems beschäftigen wir uns nicht nur mit den regulatorischen Anforderungen und Eigenheiten der Fertigungsindustrie. Wir verfügen darüber hinaus unter anderem über Branchen Know-how in der Energie- & Versorgungswirtschaft, im Gesundheitswesen, der Konsumgüterindustrie sowie der Logistik

 

Im Gesundheitswesen können wir beispielweise über unsere Mitgliedschaft bei sphin-X  (ein übergreifendes, interoperables, vernetztes und offenes Gesundheitsdatenökosystem) zeigen, dass wir Lösungen für hochsensible, personenbezogene Daten umsetzen können.

 

Im Rahmen der Entwicklung von Datenökosystemen legen wir den Fokus auf das Onboarding von Unternehmen, der Bereitstellung von Mehrwertservices, wie bspw. den Digitalen Produktpass sowie weitere datenbasierte Services. Dabei agieren wir für unsere Kunden branchenübergreifend als kompetenter Partner für den Austausch und die gemeinsame Gestaltung innovativer Lösungen. 

Häufige Fragen rund um das Thema Datenräume und Smart Data

Weiterführende Informationen rund um Datenräume und Smart Data

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Verfasst von

Fuhrmann, Johannes
Johannes Fuhrmann
Head of Strategic Business Development

Johannes Fuhrmann leitet als Head of Strategic Business Development das Portfolio und den Produktaufbau für die Fertigungsindustrie mit Fokus auf Digitalen Zwillingen und Datenökosystemen. Zuvor war er bei Deloitte und VELUX beschäftigt. Er hat einen MSc in Information Systems Management (University of Warwick) und einen B.A. von der HAW Hamburg.

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