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Spec-Driven Development: Vom Programmierer zum Systemarchitekten

Wie KI-Agenten die Softwareentwicklung verändern – und warum Spezifikationen zur neuen Schlüsselkompetenz werden.

Spec-Driven Development: Vom Coder zum Architekten
23.06.2026
Künstliche Intelligenz
Application Development

KI-Agenten entwickeln sich vom Coding-Assistenten zum eigenständigen Akteur in der Softwareentwicklung. Mit Spec-Driven Development (kurz SDD) entsteht ein neuer Ansatz, der KI systematisch steuert – und die Rolle von Entwicklern grundlegend verändert: weg vom Coding, hin zu Architektur, Spezifikation und Orchestrierung.

Der Wandel KI-getriebener Softwareentwicklung

KI ist längst mehr als nur ein Autocomplete-Assistent. KI-Agenten übernehmen zunehmend ganze Arbeitspakete und entwickeln sich so zu einem aktiven Bestandteil des gesamten Softwareentwicklungsprozesses – der Agent plant, entwirft, implementiert und verfolgt dabei den eigenen Fortschritt. Doch je mehr sich KI vom „Helfer“ zum „Agenten“ entwickelt, desto stärker muss sich auch unsere Art, Software zu erstellen, verändern. 

 

Ein vielversprechender Ansatz in diesem Wandel ist die spezifikationsgetriebene Entwicklung (Spec-Driven Development). Dieser Artikel beleuchtet, was Spec-Driven Development bedeutet, wie es funktioniert und was sich dadurch für Entwickler verändert.

Vibe Coding, Plan-Mode und Spec-Driven Development im Vergleich

Typen der KI-gestützten Softwareentwicklung
Typen der KI-gestützten Softwareentwicklung

Es gibt verschiedene Ansätze, um KI-Agenten bei der Softwareentwicklung zu steuern. Sie unterscheiden sich in Steuerungstiefe, Nachvollziehbarkeit und Wartbarkeit.

 

  1. Ad-hoc / prompt-basiert

    Hierbei wird der KI-Agent üblicherweise mit noch grobgranularen Anforderungen direkt mit der Lösung einer Programmieraufgabe beauftragt. Man spricht auch vom sogenannten „Vibe Coding“. Aufgrund des großen Lösungsraums und der abstrakten Anforderungen ist diese Variante sehr risikobehaftet. Sie legt den Hauptfokus auf Kreativität und Geschwindigkeit und ist eher für Prototypen als für produktionsreife Software geeignet.
     

  2. Plan-Mode
    Die Ausführungsumgebungen (Harness) verschiedener KI-Agenten (z. B. GitHub Copilot, Claude Code oder OpenAI Codex) verfügen mittlerweile über einen sogenannten Planungsmodus. Dabei erstellt die KI strukturierte Pläne vor der eigentlichen Implementierung. Erst nach Prüfung und Anpassungen durch einen Entwickler wird ein Agent mit der Umsetzung beauftragt. Die Verwendung des Planungsmodus führt zu wesentlich vorhersagbareren Ergebnissen. Der Plan ist hierbei jedoch nur Mittel zum Zweck. Er wird nach der Umsetzung gelöscht. Entscheidungen oder Anforderungen, die im Plan ersichtlich waren, gehen verloren und die Wartbarkeit des Systems wird negativ beeinflusst.
     
  3. Spec-Driven Development (SDD)
    Bei der spezifikationsgetriebenen Entwicklung arbeitet die KI auf Basis formaler Spezifikationsdokumente. Diese werden vor Beginn der Entwicklung erstellt und steuern den Agenten. Häufig unterstützt die KI bei der Anfertigung und Verfeinerung dieser Spezifikation. Der Fokus dieser Variante liegt auf Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Wartbarkeit. Die erstellten Spezifikationen werden zusammen mit dem Quelltext der Anwendung versioniert und stehen dadurch bei der Umsetzung weiterer Arbeitspakete für KI-Agenten und Softwareentwickler zur Verfügung. SDD ist der am besten geeignete Ansatz für die Entwicklung ernsthafter Unternehmenssoftware, da er umfangreiche Überprüfungsprozesse einbezieht und zu vorhersehbaren Ergebnissen führt.

Welche Spezifikationsdokumente nutzt Spec-Driven Development?

Die verwendeten Dokumente orientieren sich an den Artefakten klassischer Softwareentwicklungsprozesse, die bei SDD in der Regel als Markdown-Dokumente geführt werden.

 

  • Anforderungsspezifikation 
    Die Anforderungsspezifikation beschreibt, was das System tun soll. Sie wird auch als Lastenheft bezeichnet und beschreibt:
    • Features
    • Use-Cases
    • Verhaltensweisen
    • Akzeptanzkriterien
    • Abgrenzungen
       
  • Technische Spezifikation 
    Die technische Spezifikation beschreibt, wie das System umgesetzt werden soll. Sie wird auch als Pflichtenheft bezeichnet und enthält:
    • Architektur & Systemdesign
    • Technologieentscheidungen
    • Datenmodelle
    • APIs
    • Detaillierte Umsetzung der Anforderungen aus dem Lastenheft
       
  • Arbeitspakete
    Die technische Spezifikation wird dann typischerweise in Implementierungsaufgaben zerlegt, die vom KI-Agenten umgesetzt werden sollen.

Dies mag auf den ersten Blick an das klassische Wasserfallmodell erinnern. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Der Prozess ist nicht auf das gesamte System ausgelegt, sondern wird gezielt auf einzelne Features angewendet – gewissermaßen als ein Wasserfallprozess im Kleinen auf Feature-Ebene.

Systemweite Instruktionen

Neben den klassischen Spezifikationsdokumenten gibt es in Spec-Driven-Development-Tools in der Regel zusätzliche Steuerungsoptionen über separate Dokumente mit allgemeinen Regeln und Rahmenbedingungen – also eine Art Dokumentation der Systemleitlinien. Während die Spezifikationsdokumente für einzelne Changes oder Features erstellt werden, gelten diese Instruktionen für alle Anpassungen. Festlegungen können sein:

  • Nicht-funktionale Anforderungen (Performance, Sicherheit, Zuverlässigkeit)
  • Grundsätzliche Architekturentscheidungen
  • Festgelegter Technologiestack
  • Testvorgehen
  • Coding-Konventionen
  • aber auch Regeln zu Format, Umfang und Qualität der Spezifikationen selbst

Achtung: In der Regel verfügen KI-Agenten über ähnliche Mechanismen (beispielsweise die copilot-instructions.md oder der sich etablierende AGENTS.md-Standard). Es ist sinnvoll, diese Dateien aufeinander zu verweisen, um die systemweiten Regeln nur einmal zu pflegen und Redundanzen zu vermeiden.

Spec-First, Spec-Anchored, Spec-as-Source: Die Reifegrade von SDD

Nicht jede spezifikationsgetriebene Arbeitsweise ist gleich strikt. Man kann verschiedene Stufen unterscheiden:

Spec-First

Spezifikationen werden für einzelne Arbeitspakete erstellt und umgesetzt. Die hauptsächliche Aufgabe der Spezifikation ist es, die initiale Entwicklung eines Features zu steuern. Gegebenenfalls wird die Spezifikation danach sogar verworfen. Das ähnelt dem Plan-Mode – nur formalisierter. Es entsteht keine echte Systemdokumentation, sondern maximal eine Abfolge von Deltaspezifikationen.
Ähnlich, als müsse man die Systemspezifikation retrospektiv aus einer Sammlung aller einzelnen Jira-Tickets rekonstruieren.

Spec-Anchored

Beim Spec-Anchored Development wird die Spezifikation als lebendiges Dokument verstanden, das sich parallel zur Codebasis weiterentwickelt. Für neue Features muss sowohl der Code als auch die bestehende Spezifikation angepasst werden. Die Spezifikation bleibt die Referenz.

Spec-as-a-Source

Dies ist der radikalste SDD-Ansatz. Entwickler bearbeiten nur noch die Spezifikation, niemals den Quelltext. Die Spezifikation übernimmt die Rolle des Quelltextes – aber auf einer höheren Abstraktionsebene. Der KI-Agent „kompiliert“ die Spezifikation zum eigentlichen Quelltext. Dieser Ansatz ist aktuell eher theoretisch bzw. als Zukunftsvision anzusehen.

Der typische Spec-Driven-Development-Workflow

Die Workflows einzelner SDD-Tools unterscheiden sich zwar im Detail, lassen sich aber in folgende allgemeine Phasen gliedern, die sich an den bereits erwähnten Spezifikationsdokumenten orientieren. Dieser Workflow wird pro geplanter Änderung des Systems durchlaufen. An die einzelnen Phasen schließen sich in der Regel Reviews durch einen Entwickler an. Als Ergebnis der Reviews können Phasen wiederholt, die Spezifikationsdokumente manuell angepasst oder mit der nächsten Phase begonnen werden.

  • In dieser Phase werden detaillierte fachliche Anforderungen ermittelt. Wie ausgereift die Anforderungen bereits sind, bevor die Phase startet, kann sich dabei stark unterscheiden. Die Anforderungen können schon sehr detailliert sein, oder der Entwickler startet mit recht allgemeinen Anforderungen, die in Interviews KI-unterstützt verfeinert werden.

  • Hier werden die technischen Implementierungsdetails zur Umsetzung der fachlichen Anforderungen ermittelt. Dabei werden die systemweiten Instruktionen berücksichtigt (beispielsweise zum Technologiestack) und Recherchen zu Umsetzungsalternativen durchgeführt (beispielsweise die Verwendung bestimmter Drittanbieterkomponenten). Das Ergebnis dieser Phase wird oft als „Plan“ bezeichnet.

  • Aus dem Plan wird dann eine „Taskliste“ mit den einzelnen umzusetzenden Implementierungsaufgaben erstellt. Die Taskliste sieht in der Regel ein Statustracking vor. Die einzelnen Aufgaben können also als erledigt markiert werden.

  • In der Implementierungsphase wird die Taskliste abgearbeitet. In manchen Tools wird dazu ein sogenannter Ralph Wiggum Loop verwendet. Dabei handelt es sich um eine autonome KI-Coding-Methode, bei der ein KI-Agent wiederholt dieselbe Aufgabe erhält, während der Fortschritt in Dateien gespeichert (z. B. tasks.md) wird. Bei jeder Iteration wird dabei der Kontext zurückgesetzt, um Halluzinationen zu vermeiden.
    In der Implementierungsphase ist es wichtig, dem KI-Agenten Möglichkeiten an die Hand zu geben, die Implementierung selbstständig zu testen. Zum Beispiel durch die Ausführung automatisierter Tests oder die tatsächliche Bedienung der Anwendung.

Spec-Driven-Development Tooling und Frameworks

Für die praktische Umsetzung von Spec-Driven Development existiert inzwischen eine wachsende Zahl spezialisierter Werkzeuge. Sie unterscheiden sich vor allem hinsichtlich Workflow, Anpassbarkeit und dem Umgang mit langlebigen Spezifikationen. Zu den bekanntesten Vertretern zählen GitHub Spec Kit und OpenSpec.


GitHub Spec Kit

Ein mögliches Tool für Spec-Driven-Development ist GitHub Spec Kit. Es wird von GitHub entwickelt, ist aber nicht nur mit dem hauseigenen, sondern mit einer Vielzahl von Coding Agents nutzbar. 



Ein Python-Kommandozeilentool namens „specify“ initialisiert Spec Kit in einem Projekt, indem es bestimmte vordefinierte Prompts (sog. Slash Commands) sowie Vorlagen und einige Skripte im Projektverzeichnis ablegt.

 

Die systemweiten Instruktionen heißen bei Spec Kit „Constitution“, was die Unverhandelbarkeit signalisieren soll. Man wird initial über /speckit.constitution bei der Anlage unterstützt.

 

Die Hauptkommandos zur Abbildung des SDD-Workflows sind:

  • /speckit.specify zur Erstellung der fachlichen Spezifikation.
    Optional kann dabei /speckit.clarify verwendet werden, um Unklarheiten in Interviews zu beseitigen.
  • /speckit.plan zur Erstellung der technischen Spezifikation
  • /speckit.tasks um die technische Spezifikation in Aufgaben herunterzubrechen
  • /speckit.implement um die Umsetzung zu starten

Spec Kit ist sehr gut mit GitHub Copilot integriert, indem es z. B. mögliche Antworten auf Fragen mit dem „Ask Questions“-Tool als Schaltflächen darstellt.

 

Bei Spec Kit werden die Spezifikationen zwar zusammen mit dem Quellcode versioniert, sie spiegeln aber immer nur das Delta zum vorherigen Systemzustand wider, sodass keine Gesamtspezifikation des Systems entsteht. Spec Kit folgt daher nur dem „Spec-First“-Ansatz.

 

Zuletzt gab es zudem Diskussionen, ob das Tool nach dem Wechsel eines der Hauptentwickler von Microsoft zu Anthropic, noch genug Weiterentwicklung erfahren wird.

 

OpenSpec

Eine Alternative stellt das Tool OpenSpec dar. Auch dieses ist mit diversen Coding Agents nutzbar und wird ähnlich wie bei Spec Kit über eine CLI initialisiert, die in diesem Fall als NPM-Paket installiert wird.

 

Die systemweiten Instruktionen werden bei OpenSpec in der config.yaml abgelegt. Diese bietet bereits ein vordefiniertes Format, um den grundsätzlichen Systemkontext von Regeln für die einzelnen Dokumentationsartefakte abzugrenzen. 

 

OpenSpec bietet unterschiedliche Workflows (Quick Path und Expanded) an, die sich hauptsächlich dadurch unterscheiden, ob die Spezifikationsdokumente alle gemeinsam in einem Schritt erstellt werden oder dies in separaten Schritten geschieht. Letzteres hat den Vorteil, dass z. B. die technische Spezifikation geprüft werden kann, bevor daraus die Arbeitspakete erzeugt werden. 

 

OpenSpec unterstützt zudem die Definition eigener Schemata, über die der Workflow und die verwendeten Spezifikationsartefakte komplett anpassbar sind.

 

Die wichtigsten OpenSpec-Kommandos sind:

  • /ospx:explore als optionaler Schritt zur Verfeinerung der Spezifikationen durch ein Interview.
  • /ospx:propose als Bestandteil des „Quick Paths“, der alle Spezifikationsdokumente in einem Schritt erzeugt. Alternativ verwendet man /ospx:new zur Anlage des Changes und dann /ospx:continue pro Artefakt.
  • /ospx:apply startet die Umsetzung
  • OpenSpec trennt Changes (= vorgeschlagene Änderungen) von Specs (= wie das System aktuell funktioniert). /ospx:archive integriert die Change-Spezifikation in die Systemspezifikation und schließt den Change ab. 

Der Abgleich von Changes und Specs lässt eine langlebige Systemdokumentation entstehen. OpenSpec ist daher „Spec-Anchored“.

 

Weitere SDD-Werkzeuge

Neben den genannten Lösungen existieren diverse weitere Anbieter wie z. B. Kiro, Tessl und BMAD. Eine umfassende Evaluation jedes neu aufkommenden Tools gestaltet sich jedoch anspruchsvoll, da hierfür vergleichbare, nicht triviale Anwendungsfälle und Erfahrungen über mehrere Iterationszyklen hinweg erforderlich sind.

 

Stattdessen empfiehlt es sich, die verfügbaren Frameworks anhand der definierten Kategorien einzuordnen und ihre Workflows und Anpassbarkeit zu vergleichen. Ein fokussierter Ansatz – das heißt, die Auswahl und tiefgehende Beherrschung weniger geeigneter Werkzeuge – ist dabei zielführender als die kontinuierliche Bewertung aller neuen Marktteilnehmer.

 

Entscheidend ist die Auswahl eines flexiblen Frameworks, das gut zu den eigenen Anforderungen passt, sowie dessen gezielte Optimierung und Anpassung an unternehmens- und projektspezifische Prozesse. Hierzu zählt zum Beispiel die Integration in bestehende Systeme wie Ticketsysteme, Versionskontrolle und Wissensdatenbanken, die Anpassung der Spezifikationsartefakte an die eigenen Standards sowie die Definition geeigneter Instruktionen und Rahmenbedingungen, die es dem Agenten ermöglichen, Änderungen eigenständig zu validieren und durch automatisierte Tests abzusichern.

Wie viel Spezifikation ist erforderlich? Der SpecFactor als Kennzahl

Eine zentrale Frage ist, wie viel Spezifikation tatsächlich notwendig ist – denn die verschiedenen SDD-Tools unterscheiden sich hier teils erheblich.


Die folgende Grafik stellt die „Lines of Spec“ (also die Anzahl der Zeilen in den Markdown-Spezifikationen) den „Lines of Code“ gegenüber, die zur Umsetzung eines Features entstehen. Ist die Spezifikation für ein umfangreiches Feature zu knapp, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen. Ist sie hingegen zu ausführlich, werden Reviews allein durch die schiere Menge an zu lesendem und zu validierendem Inhalt ineffizient. 

Lines of Spec vs Lines of Code
Lines of Spec vs Lines of Code
Berechnung des SpecFactors
Berechnung des SpecFactors

Um dieses Spannungsfeld greifbarer zu machen, definieren wir das Verhältnis von Spezifikations- zu Codezeilen als Kennzahl – den SpecFactor: SpecFactor = Lines of Spec / Lines of Code. 

 

Diese Metrik haben wir exemplarisch auf verschiedene SDD-Frameworks angewendet: Bei OpenSpec ergab sich im Mittel ein Wert von etwa 0,75, während das GitHub Spec-Kit rund 2,5-mal so viel Spezifikation wie Code erzeugte.

 

Klare Richtwerte dafür, was einen „guten“ SpecFactor ausmacht, gibt es bislang nicht. In der Praxis wirkt der Umgang mit OpenSpec jedoch etwas handhabbarer. 
 

Entscheidend ist weniger ein fixer Zielwert als vielmehr ein bewusster Umgang mit der Metrik. Daraus ergeben sich zentrale Fragestellungen:

  • Wie viel Spezifikation ist für die eigenen Aufgaben ausreichend – wo liegt der goldene Mittelweg?
  • Gibt es Spezifikationen, die primär für KI-Systeme erstellt werden? Wenn ja, wie lassen sie sich klar von Inhalten trennen, die Entwickler prüfen müssen?
  • Sollten derselbe Prozess und dieselben Spezifikationsartefakte für alle Arten von Änderungen gelten – oder braucht ein kleiner Bug einen anderen Ablauf als ein großes Feature?

Wie Spec-Driven Development die Rolle von Entwicklern verändert

Unabhängig von konkreten Methoden und Werkzeugen wird deutlich, dass KI-gestützte Softwareentwicklung und Spec-Driven Development Entwickler nicht ersetzen, sondern ihren Fokus verschieben und das Aufgabenfeld nachhaltig erweitern, wodurch sich die Entwicklerrolle grundlegend neu definiert:

  • Der Fokus rückt zunehmend ab vom reinen Schreiben von Code und hin zur Strukturierung von Problemen.
  • Planung und systematische Spezifikationen rücken in den Fokus, um die Arbeit von Coding-Agenten effektiv zu steuern und zu parallelisieren.
  • Architekturentscheidungen und eine präzise Orchestrierung der KI gewinnen an Bedeutung, da Modelle häufig zu „klassischen“ Lösungsansätzen neigen – einfach, weil diese den Großteil der Trainingsdaten prägen, selbst wenn inzwischen modernere Alternativen verfügbar sind.
  • Gleichzeitig verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend auf Review und Qualitätssicherung, da mit wachsender Unterstützung durch automatisierte oder KI-gestützte Implementierung die sorgfältige Prüfung von Spezifikationen und generiertem Code, das frühzeitige Erkennen von Inkonsistenzen sowie die Sicherstellung fachlicher und technischer Anforderungen immer stärker den Mittelpunkt der Entwicklungsarbeit prägen.
     

Viele dieser Aufgaben lagen bisher vor allem bei erfahrenen Entwicklern. Künftig werden auch Junioren diese Fähigkeiten wesentlich früher aufbauen müssen, während erfahrene Entwickler verstärkt in die Rolle von Mentoren und Qualitätswächtern für die gesamte Systemarchitektur hineinwachsen.


Gleichzeitig wird Experimentieren deutlich einfacher. Wo früher lange diskutiert wurde, um vor der aufwendigen Umsetzung die optimale Lösung zu finden, lassen sich heute verschiedene Ansätze schnell und unkompliziert ausprobieren und verschiebt die Debatte von der Theorie in die Praxis.

Herausforderungen und offene Fragen bei Spec-Driven Development

So viel Potenzial diese neue Arbeitsweise auch bietet, geht sie doch unweigerlich mit einer Reihe neuer Herausforderungen einher, die sowohl technische als auch organisatorische Aspekte betreffen und für die es bislang nur teilweise erprobte Lösungsansätze gibt.

  • Wie lässt sich die stetig wachsende Menge an Spezifikationen und generiertem Code effizient und zuverlässig validieren?
  • Wenn Entwickler selbst nur noch wenig oder gar keinen Code schreiben, wie können sie ihre Programmierkompetenz auf einem Niveau halten, das es ihnen erlaubt, die Arbeit von KI-Agenten fundiert zu steuern und zu bewerten?
  • Wie und von wem werden Programmiersprachen und Frameworks künftig weiterentwickelt, wenn ihre primären Nutzer zunehmend KI-Systeme sind?
  • Wie sollte die Ausbildung der nächsten Generation von Softwareentwicklern gestaltet werden, und welche Kompetenzen müssen dabei künftig im Mittelpunkt stehen?

All dies sind Fragestellungen, mit denen wir uns aktiv auseinandersetzen – und für deren Beantwortung unsere Branche eine gemeinsame Verantwortung trägt.

Fazit: Vom Coding zum Engineering

Spec-Driven Development (SDD) bietet einen strukturierten Ansatz, um das Potenzial von KI in der Softwareentwicklung kontrolliert und nachhaltig zu nutzen. Anstatt KI-Agenten nur ad hoc zu steuern, rückt mit SDD die Spezifikation als zentrales Steuerungsinstrument in den Mittelpunkt. Sie schafft Verbindlichkeit, Nachvollziehbarkeit und eine gemeinsame Grundlage für Mensch und Maschine.

 

Diese neue Arbeitsweise verschiebt den Schwerpunkt der Softwareentwicklung grundlegend: weg vom Schreiben einzelner Codezeilen hin zur präzisen Beschreibung, Strukturierung und Steuerung von Agenten, weg vom Coding hin zum Engineering.

 

Richtig eingesetzt, kann SDD die Zusammenarbeit mit KI-Agenten deutlich zuverlässiger, transparenter und skalierbarer machen – bleibt aber auf gute Engineering-Praktiken und erfahrene Entwickler angewiesen.

 

Für Entwickler bedeutet das vor allem eine Erweiterung ihres Rollenverständnisses. Technisches Denken, Architekturkompetenz, die Fähigkeit, Anforderungen klar zu formulieren, sowie die parallele Steuerung mehrerer KI-Agenten werden wichtiger als reine Implementierung. Gleichzeitig eröffnet die neue Arbeitsweise mehr Geschwindigkeit und Raum für Experimente.

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Häufige Fragen zu Spec-Driven Development

  • Spec-Driven Development ist ein Ansatz der KI-gestützten Softwareentwicklung, bei dem KI-Agenten auf Basis formaler Spezifikationen arbeiten. Anforderungen, Architekturentscheidungen und Aufgaben werden dokumentiert und steuern die Umsetzung durch die KI. Zwischen den Phasen gibt es Review-Gates.

  • Vibe Coding setzt auf direkte Prompts ohne feste Struktur, der Plan-Mode ergänzt einen vorgeschalteten Umsetzungsplan, während SDD die Entwicklung dauerhaft über versionierte Spezifikationen steuert.

  • Spec-Driven Development sorgt für besser nachvollziehbare Entscheidungen, konsistentere Ergebnisse, höhere Wartbarkeit und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und KI-Agenten.

  • SDD lohnt sich besonders bei komplexen, langlebigen oder geschäftskritischen Softwaresystemen, bei denen Nachvollziehbarkeit, Wartbarkeit und eine kontrollierte Zusammenarbeit mit KI-Agenten wichtig sind. Vor allem größere Features, mehrere parallel arbeitende Entwickler oder KI-Agenten sowie hohe Qualitätsanforderungen profitieren von klaren Spezifikationen und strukturierten Workflows. Für kleine Änderungen oder einfache Prototypen kann der zusätzliche Spezifikationsaufwand hingegen unverhältnismäßig sein.

  • Die optimale Menge hängt vom Projekt und der Komplexität der Anforderungen ab. Ziel ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen ausreichender Präzision und praktikablem Review-Aufwand.

Verfasst von

hanno_kortekamp
Hanno Kortekamp
Experte für Softwarearchitektur

Hanno Kortekamp ist Software-Architekt bei Arvato Systems und verantwortet die technische Konzeption und Umsetzung moderner Webapplikationen. Neben der Architektur liegt sein Fokus auf Koordination und Coaching von Entwicklerteams. Mit über 25 Jahren Erfahrung bringt er umfassendes Know-how in der Modernisierung bestehender Systeme sowie in der Entwicklung neuer Anwendungen ein. Seine Projekte erstrecken sich über verschiedenste Branchen, darunter Finanzwesen, Customer Service und HealthCare.